Um das Jahr 1600 lebte in Neapel der Rechtsgelehrte Fabio Colonna. Er wurde in seinen Berufsgeschäften sehr durch das schlimme Übel der Fallsucht behindert. Da lernte er die Baldrianpflanze als Heilmittel gegen sein Leiden kennen, und das Mittel schlug so gut bei ihm an, dass er fast gänzlich von der Plage befreit wurde. Nun entsagte er der Rechtsgelehrsamkeit und warf sich mit großem Eifer auf das Studium der Pflanzenkunde. Er schrieb das erste botanische Werk mit Kuperstichen und machte sich um die Entdeckung neuer Pflanzen und um die Beobachtung von Pflanzenformen verdient. Das Lob des Baldrians, der ihm so gut geholfen hatte, ließ er sich besonders angelegen sein, und sein Einfluss hat nicht wenig zu dem hohen Ansehen beigetragen, des sich die Baldranwurzel durch die Jahrhunderte hindurch erfreute und noch erfreut.baldrian.JPG" border="0" vspace="" width="480" height="696" hspace="">
Die in so gutem Rufe stehende Pflanze kennen zu lernen, haben wir auf Wiesen und am Ufer von Bächen und Flüssen häufig Gelegenheit. Sie wird etwa mannshoch. Der kahle, nur am Grunde mehr oder weniger behaarte Stengel ist hohl und gefurcht.
Recht hübsch nehmen sich die gefiederten Blätter aus, die paarweise einander gegenüberstehen und darum gegenständig heißen. Die größeren Blätter haben zehn Paar Fiederblättchen, wozu noch ein unpaariges an der Spitze kommt. Die unteren Blätter sind mit langen Stielen versehen; je mehr es nach oben geht, desto spärlicher wird die Zahl der Blätter und desto kürzer werden die Stiele; die obersten sind ganz stiellos. Die Fiederchen sind lanzettförmig und am Rande gesägt; auf der Unterseite finden sich einzelne Härchen. Bei den obersten Blättern sind die Fieberchen ganz schmal und nicht eingeschnitten.
Ihre zahlreichen rötlich weißen Blüten entfaltet die Pflanze in den Sommermonaten. Sie stehen meist oben in breiten Sträußen beisammen, oder, wie der Botaniker sich ausdrücken würde, in endständiger Trugdolde. So vermögen sie trotz ihrer Kleinheit die Blicke von Insekten, nämentlich von Immen und Fliegen, auf sich zu lenken; der Wohlgeruch, den sie besitzen, tritt jedenfalls auch in den Dienst der Insektenanlockung. Von Gestalt sind sie trichterförmig mit kurzer Röhre und fünfzipfeligem Saume. Die Kelchröhre ist mit dem Fruchtknoten zusammengewachsen; während der Blütezeit ist ihr Saum eingerollt. Staubgefäße findet man gewöhnlich drei, wonach der Baldrian in die dritte Klasse gehört; es kommen aber auch Blüten vor, in denen diese Teile fehlen.
Die Staubbeutel entsenden schon den Blütenstaub, ehe die dreiteilige Narbe des Griffels reif geworden ist. Wirksame Selbstbestäubung innerhalb der derselben Blüte kann also nicht eintreten, und die Pflanze ist auf Fremdbestäubung angwiesen, die entweder durch Insekten vermittelt wird oder aber auch dadurch, dass die befruchtungsfähigen Narben zu den staubbeuteln jüngerer Nachbarblüten hinwachsen. Solche Blüten, in denen die Staubbeutel vor den Narben reifen, nennt man proterandrisch.
Der Fruchtknoten entwickelt an der reifenden Frucht ein Büschel federiger Härchen, eine sogenannte Haarkrone, die sich im Sonnenschein schirmartig ausbreitet, bei regnerischem Wetter hingegen zusammenlegt. Sie ist ein zierlicher Schmuck und dient als Flügel, wenn der Wind sich die Samenverbreitung angelegen sein läßt. Die Früchte werden zu den Schließfrüchten gerechnet. So nennt man trockene Früchte, die nicht aufspringen und nicht in Teile zerfallen, sondern das eine Samenkorn, das sie bergen, mit ihrer Schale schützend umschließen, bis sie im feuchten Erdreich eine Stätte gefunden, wo das schlummernde Keimchen der Auferstehung harrt. Schließfrüchte mit harter (lederartiger oder holziger) Schale nennt man Nüsse.
Der Geruch des Krautes, besonders aber des Wurzelstockes ist uns widerlich; doch haben die Katzen eine seltsame Vorliebe dafür. Sie scharren die Erde von der Wurzel weg oder wälzen sich mit sichtlichem Wohlbehagen in den Stauden umher. Auch der Apotheker und Drogenhändler muss mit seiner Radix valerianae (Baldrianwurzel) auf der Hut sein vor der Hauskatze; diese würde sich nichts daraus maschen, ihm das Heilmittel zu verunreinigen, wenn sie es nicht hinter Schloss und Riegel anträfe.
Auch bei unseren heidnischen Vorfahren muss die Wertschätzung des Baldrians nicht gering gewesen sein; denn nach ihrer Götterlehre schwang die Götting Hertha statt der Reitgerte einen Baldrianstengel, wenn sie auf ihrem Edelhirsch ritt, den sie an einem Zaume von Hopfenranken führte.
Was der Apotheker als Radix valerianae bezeichnet, ist genau genommen ein Rhizom oder Wurzelstock, d.h. ein unterirdischer Stengel, ein Gebilde, das freilich im gewöhnlichen Leben meist Wurzel genannt wird. Der Wurzelstock des Baldrians macht den Eindruck, als ob er abgestutzt worden wäre; er entsendet nach allen Seiten gelbbraune Ausläufer in den Boden.
Bei der arzneilichen Verwendung handelt es sich allerdings um den Wurzelstock mit den Wurzeln. Daraus zubereitete Heilmittel sind von ausgesprochenem Einflusse auf das Nervensystem und werden fast nur bei Nervenleiden angewandt, z.B. bei Krämpfen, Fallsucht, halbseitigem Kopfschmerz, Schwindel und Schlaflosigkeit. Man verarbeicht das Mittel in Form von Pillen, Pulver und Teeaufguss. Der Tee wird am besten kalt bereitet, indem man etwa 60 Gramm Würzelstückchen in einem Liter Wasser ansetzt. Man darf nicht zu viel davon trinken, weil sonst die Verdauungstätigkeit nachteilig beeinflusst würde.
Alle Baldrianpräparate haben den eingetümlichen Geruch der Wurzel, der wegen seiner auffallend angenehmen Einwirkung auf Katzennasen der Pflanze den Namen Katzenkraut eingetragen hat. Er rührt her von der sogenannten Baleriansäure.
Gesammelt wird die Wurzel von vielen im Frühjahr, also vor der Blütezeit, und zwar von den kleineren Pflanzen; andere tragen sie im Herbst ein. Man muss dabei mit Vorsicht verfahren, damit einem keine Verwechslung mit der giftigen Schierlingswurzel unterläuft.
Diese Information ersetzt keinesfalls einen Besuch beim Arzt oder Heilpraktiker oder eine Beratung in einer Apotheke! Durch die Inhalte dieser Seite können weder Diagnosen gestellt werden, noch eine Heilbehandlung eingeleitet werden.
Bei vielen der Artikel, Tipps und Tricks handelt es sich um Rezepte, die schon mehr als 100 Jahre alt sind. Sie sind daher nicht auf dem neuestem wissenschaftlichen Stand.
**********

