Der Kalmus





Der gemeine Kalmus ist vielfach in Teichen und an den Ufern langsam fließender Gewässer anzutreffen. Er hat Ähnlichkeit mit der allbekannten Schwertlilie, die ebenfalls einen feuchten Standort liebt; doch liegt die Ähnlichkeit nur in den Blättern; die prächtige gelbe Blüte würden wir beim Kalmus vergebens suchen.



Eigentlich ist er ein Fremdling in Europa. Zum fünfzehnten jahrhundert brachten Reisende ihn mit aus Ostindien, und er diente bei uns als Gartenzierpflanze. Allmählich fand er seinen Weg in die Wasserläufe, und wie gut es ihm dort gefiel, mag man aus der großen Verbreitung schließen, deren er sich jetzt erfreut. Er ist vollständig zur einheimischen Pflanze geworden. Besonders in der norddeutschen Tiefebene sagt es ihm zu, und die Bewohner betrachten ihn mit günstigen Augen, bringen sie doch die stattlichen Blätter um die Pfingstzeit mit Vorliebe als Festschmuck in ihre Häuser.

Den alten Hebräern liefte Kalmus Salböl und Räucherwerk.

Vor allem fallen die schwertförmigen Blätter ins Auge. Sie werden armlang und stehen in Büscheln beisammen. Jedes Blatt ist an seinem unteren Ende zu einer langen Scheide gerollt, worin die Scheiden der jungen Blätter eingeschlossen sind. Über der Scheide wird die Blattfläche platt und strebt wie ein zweischneidiges Schwert in die Höhe. Sie ist fingerbreit und von Nerven durchzogen, die alle in der Längsrichtung verlaufen, also dem besonders hervortretenden Mittelnerv parallel sind. Blühende Sprosse trifft man nicht häufig an; sie treten zwischen den Blättern ans Licht und sind dreikantig, aber etwas zusammengedrückt. Man könnte sie mit einer Messerklinge vergleichen, deren Rücken außergewöhnlich breit und zugleich gefurcht wäre. In diese vertiefte Stelle ist der Blütenkolben eingesetzt, der, an Gestalt und Größe einem Finger ähnlich, schräg aufwärts gerichtet ist. Der Kolben steht also nicht senkrecht, wie bei dem an sumpfigen Stellen häufigen Kolbenrohr (Typha latifolia); auch setzt sich der Schaft nach oben hin weiter fort, scheinbar ununterbrochen, sieht aber von der Ansatzstelle des Kolbens an vollständig aus wie ein Laubblatt.

Auf dem Kolben stehen zahlreiche Blüten dicht zusammengedrängt. Sechs Staubgefäße umlagern den kegelförmigen Fruchtknoten. Vom Stempel fehlt der Faden, und die Narbe sitzt dem Fruchtknoten unmittelbar auf. Nur ein Blattreis, ein sogenanntes Perigon, fasst die genannten Blütenteile ein; er besteht aus sechs grünlichen Blättchen. Die unteren Blüten blühen zuerst auf, und so schreitet die Entfaltung allmählich nach der Spitze zu fort. Die Narbe ist reif, ehe die Staubfäden den Blütenstaub liefern können. In Deutschland sind ausgereifte Früchte (rötliche, schwammig-trockene Beeren) eine Seltenheit.

Den Apotheker interessiert nur der Wurzelstock, d.h. der unterirdische, einem Knüppel nicht unähnliche Stengel, der sich waagerecht im Boden hinzieht und armlang werden kann. Er ist fingerdick und läßt deutlich die Stellen erkennen, wo schon Blätter gestanden haben. Unten ist er reich mit Wurzeln besetzt, die an den Blattnarben entspringen. Sein Äußeres zeigt braungrüne Färbung; nimmt man die Rinde weg, so läuft er gewöhnlich etwas rötlich an. Durchgebrochen läßt er das weiße Fleisch bemerken, das sich weich und schwammig anfühlt. Seine Zellen bergen ein Öl und einen Bitterstoff. Von diesen Bestandteilen rührt der gewürzhafte Geruch und der aromatisch bittere Geschmack der Kalmuswurzel her, sowie ihr medizinischer Wert.

Die Wurzelstöcke werden im Herbst oder Frühling, bevor sich die Blätter ausgebildet haben, mit Haken aus dem Schlamm herausgezogen, von Blattresten und Wurzelfasern befreit, ordentlich abgespült und im Schatten getrocknet. Nach der Anweisung des Apothekers werden sie zuvor noch geschält und der Länge nach gespalten. Sie führen im Arzneimittelschatz den Namen Rhizoma calami. Auch Kalmusextrakt und Kalmustinktur bereitet der Apotheker.

Kalmus steht in dem guten Rufe, bei Verdauungsschwäche die Tätigkeit des Magens anzuregen. Man kann die Wurzel pulverisiert nehmen (bis 6 Gramm täglich), oder als Tee, indem man 10-15 Gramm Wurzeln mit 1/2 Liter heißem Wasser übergießt, oder auch als Tinktur tropfenweise nach Vorschrift des Arztes.



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