Der Schachtelhalm





Wo der Ackerboden sandhaltig ist, findet man im Sommer oft ein Gewächs, das auf den ersten Blick einem kleinen Tannenbäumchen ähnlich zu sein scheint. Manchmal ist es in so großer Menge vorhanden, dass es den zwischen den Stengeln hindurchkriechenden und krabbelnden Tierchen wohl zumute sein mag, wie uns Menschen in einem große Nadelholzwalde.


Es ist eine Pflanze, die die Aufmerksamkeit der Kinder frühzeitig auf sich zu ziehen pflegt. Es gefällt ihnen, wie eine Menge grüner dünner Zweiglein in gewissen Absätzen kreisförmig um einen Halm herumstehen, schräg aufwärts gerichtet und nach oben zu immer kürzer werden, so dass das Ganze pyramidenförmig angeordnet ist. Noch hübscher finden sie es, wenn sie Halm und Zweiglein mit Leichtigkeit in viele kleine Stückchen auseinanderzupfen können. Die einzelnen Glieder sind ja ineinander gesteckt, gleichsam wie immer kleiner werdende Schachteln, die mit den Enden ineinander greifen; darum nennt man das eigenartige Gewächs Schachtelhalm. Die alten Griechen fanden Ähnlichkeit mit einem Pferdeschwanze heraus und wählten darum den Namen hipparis. Die Lateiner übersetzten dieses griechische Wort mit equisetum (zusammengesetzt aus equus Pferd und seta Borste, Haar); diese Bezeichnung wurde von den Botanikern als wissenschaftlicher Gattungsname festgehalten. Von den deutschen Namen sei noch die ziemlich landläufige Benennung Zinn- oder scheuerkraut erwähnt. Es ist nämlich vielfach gebräuchlich, z.B. in Thüringen, mit dieser Pflanze das Zinngeschirr zu scheuern, und die Hausfrauen rühmen diesem Scheuermittel nach, es lasse keine Kratzer und Risse zurück. Um sie so verwenden zu können, trocknet man die Pflanze im Schatten, aber nicht am Feuer. Die Eigenschaft, das Metall blank zu machen, verdankt der Schachtelhalm seinem Gehalt an Kieselsäure, die die Wurzeln aus dem sandigen Boden zu bereiten und der Pflanze zuzuführen verstehen. Sie wird aus dem Safte abgeschieden und häuft sich in der Oberhaut an. Wenn man ein Stück des Gewächses auf einem Platinblech ausglüht, so läßt sich nach der Verbrennung die Gestalt noch wohl erkennen; es bleiben nämlich zusammenhängende Streifen zurück, die aus Kieselsäure bestehen und darum Kieselskelett genannt werden. In dem Kieselgehalt liegt es auch begründet, dass die Pflanze sich hart und fest anfühlt, was man besonders deutlich merkt, wenn man ein ganzes Büschel auf einmal in die Hand nimmt. Für die Pflanze selbst ist das von Vorteil, da sich Tiere mit zarten Mundteilen, wie z.B. Schnecken, durch die scharfen Kieselkristalle vom Nagen abhalten lassen.

Auf seinem Acker mag der Landmann den Schachtelhalm nicht leiden und betrachtet ihn als ein lästiges Unkraut, das schwer zu vertilgen ist; denn ziemlich tief im Boden, der Pflugschar nicht gut erreichbar, kriecht der unterirdische Stengel, meist Wurzelstock genannt, weit umher in dem sandigen Erdreich. An ihm häuft die Pflänze während der Sommermonate Nahrungsstoff auf, oft noch in besonderen Nahrungsspeichern oder Vorratskammern, die in Gestalt kleiner Knöllchen, winzigen Kartoffelchen ähnlich, hier und da als Anschwellungen des Wurzelstockes deutlich hervortreten. So können denn die oberirdischen Teile im Herbste ruhig absterben; nächstes Frühjahr sprosst es aus dem Wurzelstock lustig weiter in unverwüstlicher Lebenskraft.

Die zuerst hervorbrechenden Triebe haben aber ein ganz anderes Aussehen, wie die im Sommer entstandenen. Sie lassen sich eher mit einem ährentragenden Halme als mit einem Tannenbäumchen vergleichen, da keine seitlichen Verzweigungen zu sehen sind. An der Bildung des Halmes erkennen wir indes sogleich, dass wir es mit dem Schachtelhalm zu tun haben; denn er besteht aus mehreren Stücken, die in ähnlicher Weise zusammengefügt sind, wie wir dies bei den Sommertrieben beobachtet haben. Die Stengelglieder sind der Länge nach gefurcht; je weiter sie nach oben stehen, desto dünner und länger sind sie. Wie am Kornhalme finden wir, dass der Stengel größtenteils hohl ist und sich leicht zusammendrücken läßt, während er sich an verschiedenen Stellen zu Knoten verhärtet, die keinen Hohlraum in sich haben. Schneiden wir ein Stengelglied quer durch, so zeigen sich um die Höhlung herum die Mündungen von kleinen Röhrchen in regelmäßiger Anordnung. Zupfen wir ein Stengelglied heraus, so bleibt ein Kranz von blattähnlichen, spitzen, nach oben gerichteten Gebilden stehen, fünf bis zwölf an der Zahl, zwischen denen man in die Höhlung des folgenden Stengelgliedes hineinsieht. Die Leute aus dem Hunsrück und an der Nahe finden in einem solchen, oben mit dem Blattkranze gekrönten hohen Stengelstück Ähnlichkeit mit einer Nadelbüchse, die in dortiger Mundart gleich der Pflanze Spengelbüchse genannt wird. Die Blätter - denn als solche sind die vorhin beschriebenen Gebilde wirklich anzusehen - sind alle beim Schachtelhalm klein und auffallend angeordnet. Unten zusammengewachsen umgeben sie den Stengel bauchig, wie eine Scheibe den Säbel; im oberen Teile sind sie frei und starren mit ihren Spitzen gleich scharfen Zählen aufwärts. Durch ihre schwarze Farbe heben sich die Spitzen von der übrigen Blattfläche deutlich ab. An den Sommertrieben sind die Blätter viel unscheinbarer. Während aber bei ihnen die ganze Pflanze grün gefärbt ist, sind die Frühlingssprossen blasse Gebilde, die nur geringe Spuren des für das Pflanzenleben so wichtigen Chlorophylls oder Blattgrüns besitzen. Neue Nahrungsstoffe können sie demnach nicht herbeischaffen; aber ihre einzige Aufgabe ist auch nur, die Ähre auszubilden, und dazu saugen sie die nötige Kraft aus dem Wurzelstock, in welchem ja die Sommertriebe des Vorjahres die Nahrungsstoffe aus ihrer geheimnisvollen Werkstatt hineingeschafft haben. Kommen nun auch die verkümmerten Blätter wegen ihres Mangels an Chlorophyll für die Ernährung der Pflanze kaum in Betracht, so erfüllen sie gleichwohl einen wichtigen Zweck, und zwar einmal, wenn sie noch in der Erde stecken, und dann, wenn der Halm schon in die Höhe ragt. Beim Durchbrechen des Bodens umhüllen sie die zarte Ähre und bahnen ihr mit ihren zusammengelegten Spitzen den Weg ins Luftreich. Den entwickelten Stengel schützen die Blattscheiben vor dem Zusammenknicken; denn im unteren Teile sind die Stengelglieder zart und weich, wodurch es leicht erklärlich wird, dass die Halme beim Auseinanderzupfen gerade an diesen Stellen zerreißen.

Der oberste Blattkranz ist sehr klein und gleicht einem gezackten Ringe. Wie die Kerzenflamme über dem Rande des Leuchters erhebt sich über dem Ringe der kegelförmige Fruchtträger, den man auch Sporenähre nennt. Wenn man mit einem Stocke zwischen den Stengeln hindurchfährt oder sie auf sonstige Weise in Erschütterung versetzt, so entsenden die reifen Ähren kleine Wölkchen bläulich grünen Staubes. Da sind die Sporen, die gleich dem Samen der höher organisierten Pflanzen imstande sind, unter günstigen Bedingungen neue Gewächse ihrer Art hervorzubringen. Wo war dieser zarte Staub enthalten? Eine genauere Betrachtung der Ähre wird es uns lehren. Die Achse derselben, d.h. die oberste Fortsetzung des Stengels, ist mit gestielten, sechseckigen Schildchen über und über bedeckt, die gleich den Stengelblättern in kreisförmigen Reihen angeordnet sind; nur stehen diese Quirle viel näher beisammen. Die kleinen Scheibchen tragen auf ihrer Unterseite mehrere häutige Beutelchen von äußerster Kleinheit, in der Regel sechs. Das sind die Sporenkapseln; sie springen bei der Reife der Länge nach auf und entlassen die Sporen. Das Vergrößerungsglas zeigt uns, dass diese kugelförmig sind. Um das Kügelchen herum stehen vier am unteren Ende festgewachsene Fäden, an Gestalt kleinen Teelöffeln vergleichbar. Diese Fäden sind außerordentlich empfindlich gegen Feuchtigkeit. Sie rollen sich dann zusammen und umschließen das Sporenkügelchen, als ob sie es umarmen wollten; bei Trockenheit sind sie ausgestreckt. Wenn man viele Sporen auf einer Fläche sammelt und absatzweise sanft anhaucht, so scheint es in ihnen lebendig zu werden. Schon mit bloßen Auge merkt man, wie eine Bewegung in der Staubschicht entsteht, die die Sporen nach Aufnahme der Atemfeuchtigkeit wie überzarte Watte erscheinen läßt; hört man mit dem Hauchen auf, so haben sie wieder das gewöhnliche Aussehen, als ob die Watte in Staub zerfallen wäre. Wie man unter dem Vergrößerungsglase beobachten kann, beruht die seltsame Bewegung auf dem Einrollen und Ausstrecken der erwähnten Fäden. Solange die Ähre noch unreif ist, enthält sie Feuchtigkeit, und die Sporenfäden sind zusammengerollt; bei der Reife trocknen die Sporenbehälter aus; die Fäden strecken sich, nehmen mehr Raum ein und quellen aus der aufspringenden Kapsel heraus und werden als Beute des Windes weit und breit zerstreut. Besorgt nun auch der Wind hauptsächlich die Aussaat der Sporen, so ist doch die hygroskopische Eigenschaft der Schleiderfäden nicht ganz außer acht zu lassen; denn mit dem beständigen Zusammenrollen und Ausstrecken nach den geringsten Schwankungen des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft ist auch jedesmal eine kleine Ortsveränderung verbunden, und so mögen sie denn bisweilen, nachdem der Wind sie hingestreut, noch eine Zeitlang am Boden hin und her kriechen, bis sie ein zu ihrer Keimung geeignetes Plätzchen gefunden haben.

Aus der Spore geht nicht gleich ein junger Schachtelhalm hervor, sondern ein Vorkeim, d.h. ein lebermoosähnliches Pflänzchen, dass die Vorstufe zum entwickelten Schachtelhalm bildet. Wir haben diese interessante Einrichtung beim Wurmfarn besprochen. Mit der Befruchtung der Schachtelhalmvorkeime geht es in ähnlicher Weise zu, nur ist der Vorgang insofern bedeutend erschwert, als diese Vorkeime zweihäufig sind, d. h. der eine hat nur die den Stempeln, der andere nur die den Staubgefäßen entsprechenden Gebilde. Es ist also unbedingt nötig, dass Vorkeime verschiedener Art nahe beieinanderstehen. Damit dieses mit großer Wahrscheinlichkeit eintritt, erweisen sich die Sporenbänder wieder als sehr zweckmäßig; mit ihnen haken sich die Sporen leicht aneinander und finden ein gemeinschaftliches Plätzchen zum Keimen.

Schachtelhalm ist von heilsamen Einfluss auf die Wasserabscheidung. Wer infolge von Nierenerkrankung an der Wassersucht leidet, der trinke jeden Tag drei bis vier Tassen Zinnkrauttee; man kann auf die Tasse bis zu zwei Gramm rechnen, Kinder entsprechend weniger. Den Tee zu stark zu nehmen, muss widerraten werden. Bei Stein- und Griesleiden lindert er die Schmerzen. Als geradezu unsersetzlich unschätzbar rät ihn Pfarrer Kneipp bei Wasserbeschwerden. d.h. bei schmerzhaftem Urinieren an. Solche Leidenden mögen täglich eine Tasse von diesem Tee nehmen. Der Leibarzt Friedrichs II. empfahl Zinnkraut recht eindringlich als harntreibendes und nierenreinigendes Mittel. Auch bei Blutbrechen soll man sofort eine Tasse Zinnkrauttee trinken; desgleichen wird er Blutflüssen angeraten. Für Stein- und Griesleiden empfiehlt Kneipp zugleich das Zinnkraut-Sitzbad. Es wird bereitet, indem man die Zinnkrautabkochung sich bis zu 26 Grad R. etwa abkühlen läßt und dann in die Sitzbadewanne gießt. Dieses Bad darf einer Viertelstunde nicht überschreiten.



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