Der Wacholder





Wohl jedem ist aus seiner Kinderzeit das Märchen vom "Wachandelboom" bekannt und dem armen kleinen Jungen, dem von seiner bösen Stiefmutter der Kopf mit dem Kistendeckel abgequetscht wurde. Dieser Baum, unter dem die mitleidige Schwester um ihr Brüderchen weinte und in dessen Zweigen sich soviel wunderbare Dingen begaben, war ein Wacholderbaum. Es muss ein ausnehmend entwickeltes Exemplar dieser Pflanzengattung gewesen sein, denn nur selten wächst der Wacholder sich zu einem Baume aus. Gewöhnlich bleibt er ein Strauch, der Mannshöhe kaum überschreitet.



Am niedrigsten bleibt er an Stellen, wo er der Ungunst der Witterung sehr ausgesetzt ist, wo die Winde frei auf ihn einstürmen und ihn von allen Seiten zerzausen können, z. b. auf offenen Heiden. Hier duckt er sich gleichsam wie ein verfolgtes Wild und schmiegt sich gar mit seinen schwanken Zweigen an den festen Boden der mütterlichen Erde. Im Schutz des Waldes ist er von phramidalem Wuchse, und seine dünnen Äste recken sich mutig in die Höhe.

Der Wacholder ist im Sommer und Winter grün und trägt statt der Laublätter Nadeln, gehört also wie Tanne, Fichte und Kiefer zu den Nadelholzgewächsen. Die Nadeln stehen zu dreien um den Stengel herum und bilden sogenannte Wirtel oder Quirle, die zum Zweige fast senkrecht gericht' sind. Ihr Grün ist weniger dunkel als das der Tanne. An der oberen Seite haben sie eine flache Rinne; durch die Mitte zieht sich ein bläulich-weißer Streifen. Die Mitte der Unterfläche ist schiffskielartig gebildet, weshalb man die Blätter gekielt nennt.

Die Nadeln sind ferner gerade gestreckt und steif; sie enden in eine scharfe Spitze. Von einem Blattquirl zum andern lassen sich an den Zweigen drei herablaufende Linien erkennen. Wenn der Wacholder ein immergrüner Strauch genannt wird, so ist das nicht so zu verstehen, als ob er dieselben Nadeln zeitlebens behielte. Sie bleiben aber immerhin vier Jahre an den Zweigen, und bis sie alle abgefallen sind, haben sich neue in so großer Zahl entwickelt, dass man sich des Wechsels im Blätterkleide kaum bewusst wird.

Selbst dem, der noch keinen Wacholderstrauch gesehen hat, sind seine Früchte bekannt, die Wacholderbeeren. Sie bedürfen zwei Jahre zur Ausbildung. Im ersten Herbste sind sie noch grün, eirund, klein und hart; im Sommer des folgenden Jahres reifen sie zu einer kugeligen Beere aus. Diese ist nicht saftig und mit einem bläulichen Reif bedeckt. Entfernt man diesen Überzug, so erscheint die Beere fast schwarz und glänzend. Sie enthält gewöhnlich drei knochenharte, eiförmige Samenkörner. Da der Wacholder in jedem Jahre blüht, aber erst im zweiten seine Früchte zur Reife bringt, so bemerkt man alljährlich an den fruchttragenden Zweigen zweierlei Beeren, nämlich die unreifen, grünen Fruchtzäpfchen dieses Jahres und die dunkelblauen, reifen Beeren des Vorjahres. Wo jetzt die Beeren stehen, befanden sich vorher die Stempelblüten. Diese gleichen fast einer Knospe und bestehen aus einigen Quirlen sogenannter Schuppenblätter, die sich eng zusammenschließen. von den drei obersten Schuppenblättern enthält jedes am Grunde ein aufrecht gestelltes Eichen, woraus die Samenkörner entstehen, während die drei Schuppen allmählich zusammenwachsen, miteinander verschmelzen und so die Beeren bilden, die kurzgestielt erscheinen, nachdem die anderen Schuppenblätter des Blütenstandes abgefallen sind. Solche fruchtbaren Blüten finden sich nicht an allen Wacholdersträuchern. Wo dieselben fehlen, treffen wir eine andere Art Blüten, die selbst keine Frucht ansetzen, aber zur Fruchterzeugung dennoch durchaus notwenig sind, da sie den Blütenstaub liefern, der die Samenknospen befruchtet und zum Ausreifen befähigt. Man nennt sie Staubgefäßblüten. Wie die Stempelblüten entspringen sie in den Blattwinkeln, sind aber größer und von gelblicher Farbe. Sie bilden sogenannte Kätzchen und tragen zwischen den Schuppenblättern, die in Wirteln stehen, die Staubbeutel. Der Blütenstaub überträgt der Wind. Weil beim Wacholder die wesentlichen Blütenteile auf zwei verschiedene Pflanzen verteilt sind, heißt die Pflanze nach Linné "zweihäufig".

Wacholderbeeren regen den Appetit an. Wer an Magenschwäche leidet, möge getrost einmal Kneipps erprobtes Rezept versuchen: "Den ersten Tag sollen sie 4 Beeren nehmen, den zweiten mit 5 Beeren fortsetzen, den dritten sollen sie 6 Beeren kauen und so mit Beeren und Tagen bis auf 12 Tage und 15 Beeren auf- und dann wieder auf 5 Beeren heruntersteigen, beim Absteigen jeden Tag eine Beere auslassend." Die Beeren wirken auch vorteilhaft auf die Tätigkeit der Nieren, also auf die Wasserabscheidung ein. Stein- und Griesleidenden ist darum Wacholdertee zu empfehlen, wozu man eine Handvoll Beeren auf einen Liter Wasser nimmt.



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