Der Wermut





Wie eine fromme Legende erzählt, stand der Wermut, diese durch und durch mit Bitterkeit erfüllte Pflanze, auf dem Leidensberge Golgatha. "Als dort dem dürstenden Heilande nur die herbe Labung von Essig und Galle wurde, da fielen einige Tropfen des Getränkes, die seine heiligen Lippen berührt hatten, nieder zur Erde, und alsogleich entsprang derselben ein Kraut, das die ganze Bitterkeit des Leidens unseres Erlösers in sich birgt. Wie von Gram erfüllt und von Mitleid erschauernd, stand dasselbe am Fuße des Kreuzes schmerzvoll niedergebeugt; denn in jenen schrecklichen Stunden erzitterten alle Kreaturen in unaussprechlicher Betrübnis; nur der Mensch, um dessentwillen der Heiland solche Qualen litt, blieb hart und ungerührt. Wehmütig schaute der göttliche Dulder auf die Pflanze hernieder, und auch in diesen Augenblicken noch voll Sanftmut und Milde, selbst für das kleinste der Geschöpfe, sprach er zu ihr: "Gesegnet seist du, kleines Kraut, und wer dich bricht, um sich zu heilen, der soll durch deine Bitterkeit meines Segens reichste Fülle spüren. Wo aber ein müder Erdenwanderer ist, der gerufen werden soll in die Gefilde der ewigen Heimat, dem magst du von der Bitterkeit meines Leidenskelches reden, auf dass er in Geduld den seinen trinke." Und also geschah es, bis zu dieser Stunde; darum kann der Wermut ein zweifach heilsames Kräutlein uns werden: einmal zur Stärkung des Leibes und wieder zum Troste der Seele!"



Wirklich ist der Wermut beim Volke eine ehrwürdige Pflanze geblieben. Seine Zweige dürfen in dem Kräuterbüschel nicht fehlen, das Katholiken zu Mariä Himmelfahrt in der Kirche weihen lassen. Fromme Landleute gegen sie nebst den anderen gesegneten Kräutern ihren Toten als letztes Ruhekissen für das müde Haupt mit in den Sarg, oder sie pflanzen Wermut auf den Grabeshügel.

Der Name Absinthium soll von dem griechischen Worte für "untrinkbar" hergenommen sein, wobei dem Namengeber der Wermutwein vorgeschwebt haben mag, den schon die alten Griechen aus der Pflanze herstellten, und den zu trinken fast für einen heldenmütigen Akt der Selbstüberwindung gelten konnte. Wenn einem die freudige Stimmung plötzlich und gründlich verdorben wird, so pflegt man wohl zu sagen: "Ihm ist ein Wermutstropfen in den Freudenkelch gefallen." So ist der Name der Pflanze fast gleichbedeutend geworden mit Bitterkeit und Traurigkeit. Seiner sprachlichen Herkunft nach hängt er mit "Wärme" zusammen; man hielt dafür, dass Arznei aus Wermut den Magen erwärme. Der alte Kräutermann Lonicerus schrieb z.B.: "Wermutkraut oder -blumen, in Speiß und Trank genützt, bekommt wohl dem Magen, macht däwen (= verdauen), erwermet den Leib, und treibet aus Gift und Gall." Folgendes Rezept desselben Kräuterkunden ist eher geeignet, unsere Heiterkeit zu erregen, als zur Befolgung aufzumuntern. Da aber ein herzliches Lachen auch als heilsame Arznei gelten darf, so stehe ich nicht an, die Vorschrift in dem altertümlichen Deutsch wörtlich herzusetzen:

"Nimb vier Loth Wermut, Euforbii (= Wolfsmilch) ein halb Loth, gebrand Hirßhorn (= Hirschhorn) ein Loth, thue darzu ein Loth Hasengallen, darunder gemischt Honig, daraus ein Pflaster gemacht, und das gelegt auff den Bauch, tödet die Würm im Bauch."

Im Volksmunde heißt der Wermut vielfach Als oder Els. Dieses wort ist entstanden aus Alsinthium, einer Nebenform des botanischen Namens aus dem Mittelalter. Der Gattungsname Artemisia stammt vom griechischen artemes, frisch, unversehrt.

Als Korbblütler gehört der Wermut in die neunzehnte Linnésche Klasse. Die Köpfchen sind klein und stehen in traubenartigen Blütenständen zahlreich beisammen; sie sind beinahe kugelförmig und etwas nach unten geneigt. Ein Hüllkelch, dessen schmale Blättchen dachziegelig übereinander liegen, umgibt die unscheinbaren Rand- und Scheibenblütchen, die mit dem Kelchrande in gleicher Höhe stehen. Die Randblüten, die nur Stempel enthalten, aber sämtlich unfruchtbar sind, bilden enge Röhrchen mit gezacktem, nicht auseinanderstehendem Rande. Die bei weitem zahlreicheren Scheibenblütchen enthalten in ihrem hellgelben Trichtern sowohl Staubgefäße als Stempel; die fünf Zacken ihres Randes sind etwas auseinandergebogen. Staubfäden finden sich fünf, die aber mit den Beuteln zu einer Röhre verwachsen sind, aus der der Stempel mit seiner zweiteiligen, gekrümmten Narbe hervorragt. Von den übrigen bei uns vorkommenden Artemisia-Arten, so z. B. von dem ähnlichen Beifuß, unterscheidet sich der Wermut durch seinen behaarten Blütenboden. Die längliche Frucht zeigt wenig auffällige Streifen; eine wulstige Hervorragung umgibt ihr oberes Ende wie ein Ring.

Dem oberflächlichen Beobachter sind vom Wermut fast nur die Blätter bekannt, die durch ihre stark zerschlitzte Spreite und die silbergraue Farbe sowie die seidenweiche Behaarung auffallen. Die Grundblätter sind am meisten zerschnitten; man bezeichnet sie als dreifach gefiedert. Die Fiederung der Stengelblätter ist nur zweifach, was für die obersten aber nicht mehr zutrifft, da sie nur langzettliche Zipfel darstellen. Aus der ausdauernden Wurzel erheben sich mehrere runde, stark verästelte Stengel von halber Manneshöhe.

Der Bitterstoff des Wermuts, Wermutbitter oder Absinthin genannt, ist von heilsamem Einflusse auf den Magen und regt den Appetit an; auch ist er ein gutes Mittel zur Vertreibung der Eingeweidewürmer, weshalb die Engländer der Pflanze den Namen Wurmwurzel gegeben haben. Offizinell, d.h. in der Apotheke gebräuchlich sind die Blätter und Blütenköpfchen (Herba et Summitates Absinthii). Man kann sie zu Teeaufguss gebrauchen, pulverisiert einnehmen (täglich zweimal eine Messerspitze) oder in Spiritus ausziehen und als Tinktur genießen. Wermut wird auch zur Bereitung verschiedener Liköre benutzt, unter denen der französische Absinth wohl am bekanntesten ist.

Zur Blütezeit (Juli und August) werden die dünneren Triebe sowie die Blätter gesammelt und nach dem Trocknen in Gläsern oder Blechdosen zerschnitten aufbewahrt. Sie dürfen dem Sonnenlichte nicht ausgesetzt werden.



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