Die Eiche





Alle sind wohl darüber einig, dem Eichbaume im Reiche unserer Waldbäume die Königswürde zuzuerkennen. Mögen auch vielleicht andere Bäume ihn an Schönheit übertreffen, an Stärke und Dauerhaftigkeit macht ihm keiner den Rang streitig. Nur langsam wächst die Eiche. Der Mensch pilgert schon von der Mittagshöhe des Lebens bergab dem Grabe zu, und noch kann er sie mit der Hand umfassen, die der treue Vater bei seinem Eintritt in diese Welt als Eichel in die Erde gesenkt hatte. Seine Kinder und Kindeskinder sind längst als lebensmüde Greise ins Grab gesunken, und noch hat die Eiche ihre Jugend nicht vollendet. Zweihundert lange Jahre wächst sie fröhlich weiter; dann tritt sie in die Vollkraft des Mannesalters, deren sie sich drei bis vier weitere Jahrhunderte vollauf erfreuen kann. Will man das Alter bezeichnen, das die Eiche erreichen kann, so darf man getrost an die Zahl der Lebensjahre seines Großvaters eine Null hängen; einzelne Methusaleme aus diesem Geschlechte haben ihre Lebenstage gar über 1000 Jahre gebracht. Dem Holze der Eiche räumt man eine fast unvergängliche Dauer nach.



Aus der Geschichte des heiligen Bonifazius ist jedem bekannt, in welch hohem Ansehen der stattliche Baumriese bei unseren heidnischen Vorfahren stand. Er war der heilige Baum ihres Donnergottes; Eichenhaine waren die Tempel, wo sie die Götter verehrten. Unter Eichen berieten sie über Krieg und Frieden. Noch heutzutage ist ein Kranz von Eichenlaub der Schmuck des Siegers. Noch höheres Ansehen genoss der Baum bei den Kelten.

In Deutschland gibt es namentlich zwei Eichenarten, die Linné unter dem Namen Quereus robur zusammenfasste. Der Unterschied ist am leichtesten an den Blatt- und Fruchtstielen zu erkennen. Stehen die Früchte an langem Stiele (pedunculus) einzeln oben zu zweien und dreien, so haben wir Quereus pedunculata, die Stieleiche vor uns. Das Wort "gestielt" bezieht sich also auf die Früchte, nicht auf die Blätter, deren Stiel viel kürzer als der Fruchtstiel ist. Sind die Fruchtstiele sehr kurz, so dass vier und mehr Früchte in den Blattwinkeln knäuelartig zusammengedrängt sitzen, so ist es Quereus sessiliflora, d.h. die Eiche mit sitzenden Blüten, bei der die Blattstiele länger sind als der Fruchtstiel. Die Stieleiche wird auch Sommereiche genannt, wogegen die andere den Namen Stein- oder Wintereiche führt, weil die verdorrten Blätter oft bis zum Frühjahr an den Zweigen hängen bleiben.

Mit der Entfaltung ihres Laubes hat die Eiche es nicht eilig; erst im Mai, wenn die anderen Waldbäume schon in ihrem grünen Kleide prangen, begrüßen ihre jungen Blätter das Licht der Sonne. Fast wie Fächer zusammengefaltet, brechen sie aus der schützenden Knospe hervor und machen sich sehr bemerklich durch lebhaft rote Färbung. Die Gelehrten haben nachgewiesen, dass die rote Farbe durch Umsetzung von Lichtstrahlen in Wärme eine höhere Temperatur in der Blattspreite erzeugt. Wer weiß, ob ohne diese Vorkehrung nicht kalte Nächte es töten würden. Auch im Mai sinkt ja die Luftwärme nicht selten ganz erheblich, fallen doch die Tage der gefürchteten "drei Eisheiligen" mitten in den Wonnemonat hinein. Durch die Erhöhung des Wärmegrades in der Blättfläche wird aber auch die Verdunstung, d.h. die Abgabe von Wasserdampf gefördert, was für die Herbeischaffung genügenden Nährstoffes aus der Bodenfeuchtigkeit von großer Wichtigkeit ist. Beim völlig entwickelten Blatte macht die rote Farbe der grünen Platz; sie würde jetzt überhitzen und schädlich wirken. Auch haben sich mit der Vergrößerung der Blattfläche deren Lufträume erweitert, so dass eine hinreichende Verdunstung nun ohne das Hilfsmittel des Blattrots ermöglich ist.

Blätter und Früchte des Eichbaumes sind jedem Kinde bekannt; von den Blüten läßt sich das wohl weniger behaupten. Freilich sind sie unscheinbar und fallen nicht sehr in die Augen. Der Eichbaum hat der Verdienste so viel aufzuzählen, dass er des bunten Flitterstaates nicht bedarf, um sich ein Ansehen zu geben. Sobald die Eiche auszuschlagen beginnt, fängt sie auch zu blühen an.

Die Staubgefäßblüten stehen in mehreren Gruppen um einen fadendünnen, schlaff herabhängenden Stiel herum, der am Grunde der jungen Triebe entspringt. Sie bilden sogenannte Kätzchen, wie wir sie ähnlich beim Nussbaum, der Birke und dem Haselnussstrauche finden. Sie sind gelblich grün gefärbt und stehen zu mehreren beisammen. Die einzelnen Blütchen sind von einer fünf- bis neunteiligen, grünbraunen Hülle (Perigon genannt) schützend umgeben und enthalten ebensoviele Staubgefäße. Die Fäden sind ziemlich lang und tragen einen dicken Staubbeutel, der in vier Fächern den Blütenstaub enthält. Die Frucht- oder Stempelblüten stehen oben an diesjährigen Trieben und wachsen zwischen den Achseln der jungen Blätter hervor. Auch sie stehen in Kätzchen, sind aber näher zusammengerückt und nicht so zahlreich.
Jede Stempelblüte hat einen dreifächerigen Fruchtknoten; der Griffel ist an der Spitze in drei breite, dicke Narbenlappen gespalten. Als Blütenhülle dient eine Anzahl schuppenartiger dachziegelig gelagerter Blätter, die später zu dem bekannten Schüsselchen oder Becherchen zusammenwachsen, worin die Eicheln sitzen. Die Verbreitung des Blütenstaubes übernimmt der Wind. Recht zweckmäßig erscheint hierbei die Beweglichkeit des Blütenstieles (der Spindel), die völlige Trockenheit und die Menge des Blütenstaubes, die breiten, zum Auffangen recht geeigneten Narben, sowie der Umstand, dass die Bestäubung erfolgt, wenn die Blätter noch ziemlich klein sind. Überdies bewirkt die Stellung der Blätter in Büscheln, dass die Krone locker erscheint, ein Vorteil, der nicht nur der Pollenverbreitung zu gute kommt, sondern auch für die gehörige Belichtung des Baumes wesentlich ist. Von den sechs Samenanlagen der Fruchtknotenfächer wird nur eine zur Frucht ausgebildet. Diese, die Eichel, ist anfangs grün. Im Oktober reift sie völlig, nimmt bodenbraune Farbe an und fällt aus dem Becher heraus, der mit seinem Stiele noch längere Zeit hängen bleibt. Das Spitzchen auf ihrem oberen Ende ist der hart gewordene Überrest des Griffels. Der Hauptinhalt der Eichelschale wird von zwei dicken, fleischigen Keimblättern (Kothledonen) gebildet; sie liegen mit der flachen Seite aufeinander und bedecken eine winzig kleine Keimwurzel nebst dem Keimknöpfchen. Wenn die Eichel keimt, wird die Schale von dem Würzelchen und dem Stengelspitzchen gesprengt, dass eine nach unten, das andere nach oben wachsend; die Keimblätter bleiben noch lange von der Schale umhüllt und dienen dem jungen Pflänzchen als nahrungspendende Vorratskammern.

Sehr verderblich würden den langsam wachsenden Eichenpflänzchen die Schnecken sein, die ja im Reich der Pflanzen durch ihre große Gefräßigkeit ungeheure Verwüstungen anzurichten pflegen, wenn nicht ein Stoff in der Eiche enthalten wäre, der ihnen das Schmausen gründlich verleidet. Es ist dies die Gerbsäure, die alle Teile des Eichbaumes, auch seine Blätter, durchdringt. Schnecken, die in der Gefangenschaft längere Zeit gehungert hatten, setzte man dreierlei Eichblätter vor, erstens frische, zweitens ausgelaugte (man hatte ihnen mit heißem Wasser und Alkohol einen großen Teil ihres Gerbstoffes entzogen), drittens gänzlich von der Gerbsäure befreite. Die ausgehungerten Tiere verschmähten die frischen und die ausgelaugten, und nur die durch ein besonderes Verfahren gerbsäurelos gemachten wurden verzehrt. Bei einem anderen Versuche hatte man Möhrenscheibchen in eine ganz schwache Gerbstofflösung gelegt und Ackerschnecken zum Benagen vorgesetzt; die Tiere rührten sie nicht an, obgleich sie sonst auf Möhren ganz versessen sind. Eine Gerbsäurelösung, die nur ein Zehntel Prozent Gerbsäure enthält, ist den Schnecken schon zum Ekel; sie sind darin also noch viel empfingdlicher als unsere Zunge, die eine so schwache Lösung durchaus nicht von Wasser zu unterscheiden vermag. Da der Prozentsatz der Eiche an Gerbsäure viel bedeutender ist - die junge Rinde enhtält z.B. bis zu 20 Prozent - so ist es uns nicht verwunderlich, wenn die Schnecken ihre gefräßigen Zungen von den Eichenpflänzchen fernhalten.

Auf ihren reichen Gehalt an Gerbstoff beruht auch die Heilwirkung der Eiche. Ulsamer versichert aus vielseitiger Erfahrung: "Die erste, beste und sicherste Hilfe bei allen Vergiftungen mit pflanzlichen Giftstoffen, z.B. mit Eisenhut, Tollkirsche, Herbstzeitlose, Fingerhut, Nikotin, Giftpilzen, Nachtschatten, Strychnin usw., ist immer die Gerbsäure, die man trinken muss, ehe das Gift schon ins Blut übergegangen ist. Zu diesem Zwecke bereite man einen Eichenrindenabsud, einen Eichenrindentee aus einer Handvoll Eichenrinde in einem Liter Milch abgekocht. Reines Tannin (=Gerbstoff), in Apotheken erhältlich, gibt man innerlich in Portionen von ein bis zwei Gran (ein kleines Apothekergewicht, etwa 0,06 Gramm) und noch mehr in halbstündigen Zwischenräumen. Es ist wunderbar, wie jede dieser zwei Anwendungen rasche und sichere Heilwirkung hervorbringt. Das erstgenannte Mittel, den Eichenrindentee, kann man selbst bereiten; er kostet nichts und ist besonders auf dem Lande meist stets bei der Hand. Man muss ihn in irdenen Töpfen bereiten."

Eichenrindenabsud wird ferner empfohlen zum Gurgeln, wenn das Zäpfchen geschwollen ist, ferner gegen Magen- und Darmblutungen und starken Durchfall (40 Gramm Rinde auf 1/4 Liter Wasser). Man kann die Abkochung durch Zusatz von Wein oder Zucker angenehmer zum Trinken machen.

Nur die Rinde jüngerer Zweige wird im Frühjahr gesammelt; auch kann man sie jederzeit frisch dem Baume entnehmen.

Eichelkaffee, den man am einfachsten aus der Apotheke bezieht, wirkt heilsam auf Kinder, die an englischer Krankheit und Stropheln leiden. Man kann ihn mit Kaffee wie mit Milch vermischen.



**********
Diese Information ersetzt keinesfalls einen Besuch beim Arzt oder Heilpraktiker oder eine Beratung in einer Apotheke! Durch die Inhalte dieser Seite können weder Diagnosen gestellt werden, noch eine Heilbehandlung eingeleitet werden.
Bei vielen der Artikel, Tipps und Tricks handelt es sich um Rezepte, die schon mehr als 100 Jahre alt sind. Sie sind daher nicht auf dem neuestem wissenschaftlichen Stand.
**********
Custom Search