"Heidelbeeren! Heidelbeeren! Wer will mir das Ding verwehren, dass ich rufe Heidelbeeren, Heidelbeeren!" so läßt Hermann Wagner, unser lieber Freund von der Schule her, den lustigen alten Heidelbeermann durch die Straßen der Stadt singen und schreien, um die köstlichen Früchte anzupreisen, die im Schoße des Waldes reiften und jedem Näscher unzweideutige Spuren auf Lippen, Zunge und Zähnen hinterlassen. Wer kennt nicht die blaubereiften schwarzen Kügelchen mit dem niedlichen Krönchen darauf, in deren saftigem Fleische eine Menge von Samenkörnlein schwimmt? 
Willst du wissen, wo sie herkommen, so geh' mit unter die schattigen Bäume des Waldes. Siehst du dort die kleinen, reichbeblätterten Sträuchlein, die zierlichen Myrtenbäumchen ähnlich, weite Strecken überwuchern und den fröhlichen Kindern, die sich dazwischen zu schaffen machen, fast ans Knie reichen? Wie die reifen Früchte so einladend winken! Hier und da sind grüne dazwischen, die eher kegelförmig als rund sind, und wenn du erforschen möchtest, was sie früher waren, so schaue in eine von den wenigen Blüten, die wohl zu spät auf die Welt gekommen sind und nur in dem reichen Fruchtsegen der Entwicklung harren. Du bemerkst den Stempel, der wie eine Kerze auf umrandetem Leuchter auf einer kleinen Scheibe steht, und darunter den grünen Fruchtknoten, mit dem der glockige Kelch verwachsen ist. Der Fruchtknoten ist's, der zu der blauen Beere auswächst, und das Krönchen auf der Frucht bilden die Überbleisel des Kelches und die Stempelscheibe. Ein Querschnitt durch den Fruchtknoten zeigt die Anordnung der Samenkörnchen in fünf Fächern.
Damit die Beere entstehen konnte, musste Blütenstaub auf die Narbe des Stempels gelangen. Er stammt aus den Staubgefäßen, die gewöhnlich zu acht den Stempel umgeben. Sie werden dem Blicke entzogen durch die kugelige rosenrote Blumenkrone, die sich oben verengt und ihren vier- oder fünfzipfeligen Saum wie einen Kragen umschlägt. Während der Stempel oben herauslugt, sind die Staubgefäße kürzer als die Blumenkrone und bekommen nicht viel von der Welt zu sehen. Sie lehnen sich mit den Staubbeuteln an den Stempel und zeigen auf ihrem Rücken zwei dornartige Auswächse. Als ob sie sich dieser schämten und sie dem mutwilligen Blicke neugieriger Spötter entziehen möchten, neigen sie sich mit den Blütenglocken nach unten; doch das gereicht ihnen nicht zum Schaden, denn wie unter einem schützenden Dache sind sie geborgen gegen die Feuchtigkeit des Regens.
Bienen und Hummeln besuchen gerne das freundlich geschmückte Blütenkämmerlein; die Scheibe, darauf der Stempel steht, erzeugt reichlich den süßen Saft, nach dem sie verlangen. Senken sie den durstenden Rüssel auf den Grund der Blüten hinab, so stoßen sie an die dornartigen Fortsätze der Staubbeutel; diese geraten in Erschütterung und entleeren an der dem Griffel zugewandten Spitze einen trockenen Blütenstaub, der den Insekten auf den behaarten Körper rieselt. Sobald sie in eine andere Blüte eindringen, werden Pollenkörnchen auf dem vorragenden Stempel, den sie unbedingt berühren müssen, abgestreift; da die Narbe klebrig ist, bleiben sie um so leichter haften, und die Befruchtung ist vollzogen. Das Kind, dem später die saftigen Beere im Munde zerschmilzt, ahnt nichts von den Wunderdingen, die sich vorher in dem Blumenschlösschen abgespielt haben.
Die Heidelbeere ist ein Naturkind, dass sich nicht ziehen läßt, sondern sich nur auf dem Boden des Waldes heimisch fühlt; auf Garten- und Feldgrund verkümmert sie und geht allmählich am Heimweh zugrunde. Die Naturforscher glauben die Ursache in einer eigenartigen Beschaffenheit der Wurzel entdeckt zu haben. Das Mikroskop hat ihnen gezeigt, dass in der Oberhaut der zahlreichen langen und dünnen Wurzeln seine Pilzfäden haften, die sich nur im Waldboden bilden. Sie vermuten nun, dass diese Pilzwucherungen der Heidelbeere notwendig sind, die flüssige Nahrung aus der Erde aufzufangen und der Pflanze zuzuführen, eine Aufgabe, die sonst von den Wurzelhärchen übernommen wird, Gebilden, die wir bei der Heidelbeere vergebens suchen. Weil nun der Wurzel außerhalb des Waldes diese freundlichen Dienste des unscheinbaren Pilzes versagt bleiben, so läßt sich das baldige Absterben wohl erklären.
Die Heidelbeere - eigentlich soviel wie Heidebeere - ist eine Trockenpflanze, die manchmal in Verlegenheit kommt, wenn es gilt, die zum Lebensunterhalt nötige Feuchtigkeit herbeizuschaffen. Zur Regenzeit ist sie daher sehr bemüht, möglichst viel von dem erquickenden Nass zu erhaschen und der Wurzel zuzuführen. Die niedlichen, eiförmigen Blättchen mit dem feingesägten Rande stehen schräg aufwärts; ihre rinnenförmige Mitte setzt sich über den Blattstiel hin fort, und tiefe Furchen führen an dem breitkantigen Stengel von Blatt zu Blatt hinunter zur Wurzel. Das Heidelbeersträuchlein besitzt also zentripetale, d.h. einwärts gerichtete, dem Mittelpunkt zugekehrte Wasserleitung. Damit zur Zeit anhaltender Trockenheit nicht zu viel Feuchtigkeit verloren geht, sind die Blättchen von derber, fast lederiger Beschaffenheit, wodurch die Verdunstung verlangsamt wird.
Der Name Vaccinium, der schon bei dem römischen Naturforscher Plinius vorkommt, hat angeblich zuerst Baccinium geheißen und wäre dann abgeleitet von bacca = Beere. Myrtillus heißt "kleine Myrte" und spielt auf die myrtenähnlichen Blätter an.
Getrocknete Heidelbeeren sind ein vortreffliches Hausmittel gegen Durchfall. Pfarrer Kneipp schreibt: "Kein Haus sollte es geben, dass nicht eine gute Portion Heidelbeeren dörrt und fürs Jahr aufbewahrt. Sie sind zu gar vielem nütze. Man bringt Heidelbeeren, soviel man mit zwei bis drei Handvoll fassen kann, in ein Glas und gießt guten, echten Branntwein darauf. Je längere Zeit die angesetzten Beeren stehen, um so schärfer wird und wirkt die Medizin solches Beerengeistes. Wer an leichten Diarrhöen leidet, nehme von Zeit zu Zeit einige getrocknete, rohe Heidelbeeren, kaue und schlucke sie. Ich sah Badegäste in großen Badestädten, die, um unangenehmen Überraschungen auf dem Spaziergange vorzubeugen, von der erfahrenen und umsichtigen Hausfrau derlei "Diarrhöestillpillchen" mit auf den Weg bekamen. Heftiges andauerndes Abweichen, mit großen Schmerzen verbunden, bei dem mitunter Blut abgeht, stillt ein Löffel Heidelbeerbranntwein, genommen in 1/8 Liter warmen Wassers. Nach acht bis zehn Stunden kann man die gleiche Medizin nochmals nehmen. Eine dritte Wiederholung wird kaum mehr notwenig sein. Suche man in der Apotheke ein unschuldigeres und doch wirksameres Mittel!"
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